Orgelklänge in voller Pracht
Das Frühjahrskonzert der Franz-Liszt-Gesellschaft Eschweiler am 19.4.2026 in der Dreieinigkeitskirche.
Eschweiler. Orgel und Franz Liszt, der Topstar der Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts? Der musikalische Leiter der Franz-Liszt-Gesellschaft Eschweiler Peter Grauer hatte schon lange das Gefühl, dass es an der Zeit wäre, diesen Sachverhalt aufzuklären. Zwar waren schon in der vor Jahren von Jozsef Acs wiederentdeckten Graner Messe des Komponisten, die es in einer bemerkenswerten Aufführung bis in den Vatikan in Rom brachte und deren Partitur dem damaligen Papst Benedikt XVI. persönlich übereignet wurde, Orgelklänge zu hören.
Aber eine komplette Solo-Komposition für dieses Instrument? Und tatsächlich: es gibt diese (nicht allzu häufig zu hörenden) Werke aus der Feder des Meisters, darunter die Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“, basierend auf einem Stück aus der Oper „Le Prophéte“ von Giacomo Meyerbeer, den Franz Liszt sehr wertschätzte. Somit war die Idee klar: ein Orgelkonzert sollte organisiert werden. In Professor Jürgen Kursawa konnte dafür ein international sehr renommierter Orgelvirtuose gewonnen werden, und in der Dreieinigkeitskirche stand ein Instrument zur Verfügung, das (vor allem nach seiner unlängst erfolgten Erweiterung) zu den besten landauf, landab zählt.
Dazu bietet dieses Gotteshaus eine vorzügliche Akustik. Das gut besuchte Auditorium wurde von der exzellent registrierten Interpretation des Organisten vom ersten Ton an in seinen Bann gezogen.
Waren es die mächtigen Klangkaskaden des Hauptthemas? Oder leise, subtile, geradezu gehauchte Passagen, die sich dann wieder in volle Register entluden? Dabei durften natürlich auch die erst in diesem Jahr installierten „Spanischen Trompeten“ der Beckerath-Orgel nicht fehlen. Franz Liszt hätte seine helle Freude daran gehabt, wie auch das Publikum, das schon vor der Pause dem Organisten und dem Werk stehend applaudierte, konnte es doch seine Aktivitäten per Videoübertragung live verfolgen.
Dann ging es etwas ruhiger weiter. Aus dem typisch „lisztisch“ zu nennenden virtuosen Temperament wurden romantische Klänge, komponiert vom nur geringfügig älteren Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit ihm bestand eine inspirierende Freundschaft, nicht zuletzt deswegen, weil dieser eine seiner Aufgaben darin sah, dem inzwischen beinahe vergessenen Johann Sebastian Bach zu neuem musikalischen Leben zu verhelfen.
Obwohl nur wenige Jahre die vorgetragenen Orgelkompositionen trennen, ist der Charakter der Sonate in d-Moll op. 65.6, die als eines der romantischen Hauptwerke für Orgel überhaupt gilt, ein völlig anderer. Jürgen Kursawa erarbeitete die Unterschiede äußerst subtil und lotete die Klangspektren der Orgel bis in ihre Tiefen aus.
Gut 70 Jahre später stehen wir an der Schwelle von der Spätromantik zum Expressionismus. Sigfrid Karg Elert lieferte, basierend auf seinen neuen klangtheoretischen Erkenntnissen, mit dem Symphonischen Choral „Jesu, meine Freude“ (op. 87.2), den er als „Königin seiner Kompositionen“ bezeichnete, zum Teil ungewöhnliche Klangwelten, die den Zuhörern ein echtes Wechselbad an (Hör-)Gefühlen bescherte. Mal virtuos, schon an Debussy erinnernd, dann wieder sanft und einschmeichelnd, vor allem in der abschließenden Fuge. So führte das Konzert von der frühen Romantik hinein ins frühe 20. Jahrhundert.
Ein außergewöhnliches Konzert mit einem außergewöhnlichen Musiker an einer außergewöhnlichen Orgel. Es gab reichlich stehenden Applaus und als Zugabe eine entzückende Petitesse, nämlich das Rondo aus der Sonate in C-Dur des jüngsten Bachsohns Johann Christian, gespielt zu vier Händen zusammen mit der assistierenden Orgelkonzertmeisterin Frau Eunju Lim.
Eberhardt Schneider