Kerstin Linnartz - „Heute definiere ich Erfolg anders“
Eschweiler / Berlin. Kerstin Linnartz kennt beide Seiten des Erfolgs: Die große Bühne und die leisen Momente. Als Moderatorin stand die gebürtige Eschweilerin jahrelang vor einem Millionenpublikum, arbeitete unter anderem für Sat.1 und war Teil einer schnelllebigen Medienwelt. Heute geht es ihr nicht mehr um Reichweite und Tempo, sondern darum, Menschen dabei zu unterstützen, auf gesundem Weg erfolgreich zu sein. Kurz nach ihrem 50. Geburtstag blickte sie im Interview mit dem Eschweiler Magazin REGIO LIFE auf einen ungewöhnlichen Weg zurück – von Dürwiß über das Fernsehen bis hin zu ihrer heutigen Arbeit als Unternehmerin, Coach und Speakerin mit neuem Lebensverständnis.
Frau Linnartz, Sie wurden Anfang August 50 Jahre alt. War dieser Geburtstag für Sie ein Anlass zum Feiern oder zum Innehalten?
Kerstin Linnartz: Eigentlich beides. Ich empfinde das Älterwerden als Geschenk. Mit 50 bin ich gelassener als früher und weiß viel genauer, was mir wichtig ist und worauf ich verzichten kann. Wenn ich zurückblicke, sehe ich viele spannende Stationen, aber auch Herausforderungen, an denen ich gewachsen bin. Früher habe ich Erfolg stärker über Leistung definiert – darüber, viel zu erreichen und ständig beschäftigt zu sein. Heute geht es mir darum, ob mein Leben zu meinen Werten passt. Gesundheit, gute Beziehungen und die Freiheit, mein Leben bewusst zu gestalten, sind für mich genauso wichtig. Das fühlt sich nach einer anderen Form von Erfolg an.
Was machen Sie heute?
Im Mittelpunkt steht meine Arbeit als Unternehmerin. Mit meinem Unternehmen „be better“ entstanden zunächst unter be better®YOGA Retreats (bewusste Rückzüge aus dem Alltag, d. Red.) und später Aus- und Weiterbildungen für internationale Yogalehrer. Mit der Weiterentwicklung der Firma begleite ich unter be better®COACHING heute Menschen mit viel Verantwortung, Unternehmen und Führungskräfte (Infos unter bebettercoaching.org). Ich halte Vorträge und Seminare, gebe Coachings, leite Retreats, schreibe Bücher und moderiere ausgewählte Veranstaltungen. Im Kern geht es dabei immer um eine Frage: Wie kann man erfolgreich sein, ohne die eigene körperliche und mentale Gesundheit zu verlieren? Viele Menschen stehen heute unter hohem Druck, sind ständig erreichbar. Ich kenne Menschen, die sehr viel Geld verdienen und trotzdem unglücklich, erschöpft oder gar krank sind. Das ist für mich kein erstrebenswertes Leben und deshalb auch kein echter Erfolg. Ich glaube nicht, dass Gesundheit, Menschlichkeit und Leistung Gegensätze sind. Im Gegenteil: Nachhaltige Leistung ist nur möglich, wenn der Mensch dahinter gesund und klar ist. Das merken auch immer mehr Unternehmen.
Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer jetzigen Arbeit und Ihren früheren Medienjobs?
Durchaus, dennschon früh habe ich gemerkt, dass ich gerne mit Menschen arbeite. Das Fernsehen war dafür eine wunderbare Bühne. Es ging mir aber nie nur um Unterhaltung, sondern immer darum, Menschen und ihre Geschichten sowie unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und etwas Positives zu bewegen. Genau das tue ich heute noch – nur auf eine andere Art.
Ihr Weg als Moderatorin führte Sie einst von VIVA über NBC GIGA bis zu TV-Formaten wie dem Sat.1-Boulevardmagazin „Blitz“, Reise- und Sportsendungen. Was hat diese Zeit geprägt?
Vor allem die Vielfalt. Ich durfte hinter die Kulissen verschiedenster Lebenswelten blicken. Das hat meinen Blick auf Menschen enorm erweitert. Meine journalistische Ausbildung absolvierte ich beim US-Sender NBC. Später kamen Ausbildungen in Yoga, Anatomie, vedischer Philosophie und Ayurveda sowie Weiterbildungen in Coaching, Neurowissenschaften und Neurolinguistik hinzu. Rückblickend waren all diese Stationen Puzzleteile meines heutigen Weges. Denn jetzt geht es für mich ebenfalls darum, Menschen wirklich zuzuhören, Potenziale zu erkennen und Entwicklung möglich zu machen. Mindestens genauso wichtig wie die Ausbildungen ist aber die Erfahrung. Ich beschäftige mich seit rund 30 Jahren mit den Themen persönliche Entwicklung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit und vermittle nichts, was ich nicht selbst erlebt und über viele Jahre weiterentwickelt habe. Vielleicht vertrauen mir Menschen auch deshalb. Menschen merken sehr schnell, ob jemand etwas nur erzählt oder ob er es wirklich lebt.
Haben Sie dem Fernsehen bewusst den Rücken gekehrt?
Nein, es war keine Entscheidung gegen das Fernsehen, sondern eine Entscheidung für mich. Ich bin dem Medium bis heute sehr dankbar. Es hat mir viele Türen geöffnet und ich durfte Erfahrungen sammeln, die ich nicht missen möchte. Gleichzeitig habe ich irgendwann gespürt, dass ich Menschen nicht nur für einen Moment erreichen, sondern langfristig begleiten möchte. Ich wollte nicht nur Geschichten erzählen, sondern Teil neuer Geschichten werden. Daraus entstanden zunächst meine Yoga-Retreats und später Schritt für Schritt meine heutigen Tätigkeiten.
Ein wichtiger Wendepunkt in Ihrem Leben war Ihr Burnout. Wie haben Sie damals erkannt, dass sich etwas verändern musste?
Mein Körper hat irgendwann die Reißleine gezogen. Rückblickend war das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein deutliches Signal, dass ich gegen meine eigenen Bedürfnisse gelebt hatte. Diese Erfahrung hat mein Leben verändert. Ich begann daraufhin, mich intensiv mit den Zusammenhängen von Körper, Geist und Emotionen zu beschäftigen. Viele Erkenntnisse und Methoden, die mir selbst geholfen haben, gesünder und bewusster zu leben, fließen heute in meine Coachings, Vorträge und Seminare ein.
Welche Rolle spielte dabei Ihre Zeit in Indien?
Indien hat mich schon früh fasziniert. Eigentlich wollte ich nur einige Monate bleiben, daraus wurden schließlich sieben Jahre, in denen ich dort studierte, unterrichtete und immer wieder nach Deutschland pendelte, wenn berufliche Projekte anstanden. Vor allem aber veränderte Indien meinen Blick auf das Leben. Dort lernte ich, wie wichtig Klarheit, Gesundheit und innere Zufriedenheit sind und war dort fernab von Oberflächlichkeiten, der Konsumkultur und Negativität, die viele Menschen hierzulande unbewusst mit sich herumtragen. Die indischen Sichtweisen begleiten mich bis heute.
Was bedeutet Yoga heute für Sie?
Viele verbinden Yoga noch immer nur mit Beweglichkeit oder Entspannung. Für mich ist Yoga vor allem eine Haltung zum Leben. Es hat mich gelehrt, achtsamer mit mir selbst umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und auch in turbulenten Zeiten innerlich ruhig zu bleiben. Gerade in einer Welt, die immer schneller wird, halte ich das für eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt.
Sie arbeiten auch mit Unternehmen und Führungskräften. Was möchten Sie vermitteln?
Viele Unternehmen beschäftigen sich inzwischen mit der Frage, wie Menschen langfristig gesund und leistungsfähig bleiben können. Häufig geht es um Themen wie gesunde Führung, Resilienz und den Umgang mit Druck, aber auch Mitarbeitergewinnung und -bindung durch entsprechende Unternehmenskultur. Mir ist wichtig, dass meine Arbeit nicht nur motiviert, sondern konkrete Veränderungen ermöglicht. Entscheidend ist nicht, was Menschen nach einem Vortrag inspirierend finden – sondern was sie danach tatsächlich anders machen. Besonders freut mich, dass sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmen davon nachweislich profitieren – wir bekommen wundervolle Feedbacks. Genau darin liegt für mich der eigentliche Sinn meiner Arbeit.
Kommen wir auf Eschweiler zu sprechen. Sie sind hier geboren. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Heimat?
Die schönsten Erinnerungen führen mich zu meiner Oma nach Dürwiß. Dort bin ich stundenlang mit Freunden oder auch allein über Felder und Wiesen gestreift. Dieses Gefühl von Freiheit ist mir geblieben. Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich vor einigen Jahren ein kleines Wochenendgrundstück außerhalb meines heutigen Wohnorts Berlin gekauft habe. Ich wollte, dass meine Tochter dieses Gefühl ebenfalls erleben kann: draußen sein, entdecken und einfach Kind sein.
Was schätzen Sie an Ihrem aktuellen Leben in der Hauptstadt?
Ich liebe die Vielfalt und Energie Berlins, genieße aber genauso die Ruhe in der Natur oder während meiner Yoga-Retreats, zum Beispiel auf Mallorca. Diese Balance ist mir sehr wichtig. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Tochter und guten Freunden. Ich lese viel, höre Podcasts, reise gerne und habe in den letzten Jahren zudem Krafttraining für mich entdeckt. Gleichzeitig habe ich meine Unternehmen bewusst so aufgebaut, dass ich Zeit für die Menschen und Dinge habe, die mir wirklich wichtig sind.
Was macht davon abgesehen Ihre Persönlichkeit aus?
Ich bin neugierig geblieben und liebe es, neue Perspektiven kennenzulernen und mich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bin ich sehr zielstrebig. Wenn ich von einer Idee überzeugt bin, suche ich Wege, um sie umzusetzen. Mindestens genauso wichtig sind mir aber Herzlichkeit, Humor und Authentizität. Perfekt bin ich natürlich nicht, aber ich versuche, aus Erfahrungen zu lernen.
Ein Blick voraus: Welche Ziele oder Wünsche haben Sie für die kommenden Jahre?
Ich wünsche mir vor allem, gesund, neugierig und frei zu bleiben. Beruflich möchte ich noch mehr Menschen dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden und erfolgreich zu sein, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Ich empfinde es als großes Geschenk, jeden Tag einer Arbeit nachgehen zu dürfen, die für andere einen echten Unterschied machen kann. Das ist nicht selbstverständlich und fühlt sich wirklich gut an. Wenn ich mit 60 immer noch sagen kann, dass ich das Leben nicht nur erfolgreich, sondern ganz bewusst lebe und dabei möglichst viele Menschen auf ihrem Weg begleiten darf, dann wäre das für mich ein wunderbarer Ausblick. Auch meinen Geburtstag habe ich auf diese Art verbracht.
Wie genau?
Ich leitete eine Yoga-Retreat-Gruppe auf Mallorca – ein schöneres Geschenk konnte ich mir kaum vorstellen. Es fühlte sich fast so an, als würde ich meinen Geburtstag mit Freunden verbringen. Menschen dabei zu unterstützen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen, erfüllt mich jedes Mal aufs Neue. Viele Teilnehmer kommen inzwischen regelmäßig. Weil sie häufig ein Stück dieses Lebensgefühls mit nach Hause nehmen möchten, ist die Tee-Kollektion „be better®Chakra“ entstanden, die eine irische Bio-Tee-Firma für mich vertreibt. Anschließend verbrachte ich im kleinen Kreis noch ein paar Tage auf der Insel. Große Partys habe ich früher gefeiert, auch schon mal einen ganzen Club gemietet. Heute gilt für mich eher: Klasse statt Masse – nicht nur bei Geburtstagen.
Welchen Rat würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich denn heute geben?
Ich würde sagen: Hab‘ mehr Vertrauen in dich selbst und hör‘ nicht so sehr darauf, was andere für richtig halten. Viele Entscheidungen, vor denen ich damals Respekt hatte und an denen andere eher gezweifelt haben, stellten sich später als die wichtigsten meines Lebens heraus. Und: Warte nicht darauf, dass irgendwann alles perfekt ist. Diesen Moment gibt es nicht. Mut bedeutet für mich nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotzdem loszugehen.
Interview: Tim Schmitz
Dieser Artikel wurde in der August-Ausgabe des REGIO LIFE-Magazins veröffentlicht. REGIO LIFE erscheint alle zwei Monate und liegt kostenlos zum Mitnehmen in vielen Geschäften und an weiteren Stellen in Eschweiler und Umland aus.