Wie sich der kleine Talbahnhof einen großen Namen machte
Eschweiler. Nächster Halt Talbahnhof! Fast jeder aus der Kabarett- und Comedyszene war schon dort. Auch während dieses Sommers gaben sich die Stars in dem Kulturzentrum die Klinke in die Hand. Wie sich der kleine Talbahnhof so einen großen Namen machte, schilderte das verantwortliche Kulturwirte-Ehepaar Agnes und Walter Danz im Tischgespräch fürs REGIO LIFE-Magazin.
Wenn namhafte Künstler über den Talbahnhof Eschweiler sprechen, fällt der Ton meist liebevoll und anerkennend aus. Kabarettist Dieter Nuhr nennt ihn „die letzte Kulturtankstelle vor der Grenze“. Komiker Kalle Pohl betont das engagierte Team. Und Radiomoderator Sven Pistor findet: „Hier ist’s gemütlich, ein großes Wohnzimmer.“ Zuvor war das 1873 errichtete Gebäude (wie naheliegend) ein Bahnhof. Seit 1994 ist es eine Kulturinstitution, die in Eschweiler völlig neue Darbietungen ermöglichte. Vorher musste man für solche Acts nach Aachen oder Köln fahren. Jetzt kommen Menschen aus dem Umland in die Indestadt, um diese Darsteller zu sehen.
Die kulturelle Erfolgsgeschichte ist mit Walter Danz eng verbunden. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie im schweizerischen Solothurn auf. Nach seiner Ausbildung an der Münchener Schauspielschule stand er 24 Jahre lang auf Bühnen in ganz Deutschland, zuletzt 13 Jahre beim Stadttheater Aachen. Mit Mitte 40 beschloss er gemeinsam mit dem stellvertretenden Theaterintendanten Stéfan Horn, neue Wege zu gehen. „Wir wollten mal etwas anderes machen als Theater, aber Kunst sollte es sein“, erklärt der Kabarett-Liebhaber rückblickend.
Das Duo suchte erst in Aachen nach einer Bühne für Kleinkunst. 1994 wandten beide sich an umliegende Städte. In Eschweiler erwischten sie den idealen Zeitpunkt. Die Stadt hatte den stillgelegten Bahnhof gerade erworben und Kämmerer Jochen Frankowski die Idee, eine Kulturstätte zu etablieren. Die Umsetzung war trotzdem nicht einfach: Es musste umgebaut werden und die von Danz und Horn fortan privatwirtschaftlich betriebene Kulturarbeit im Auftrag der Stadt war Neuland. Auch skeptische Stimmen gab es: Manche hielten Eschweiler für ungeeignet – hier gäbe es „nur Bier, etwas Fußball und Karneval.“ Dennoch: Am 19. November 1994 öffnete der neue Talbahnhof seine Türen. Der erste Auftritt gebührte Joachim Luger, bekannt aus der „Lindenstraße“.
Der heute 78-jährige Walter Danz fühlt sich in seiner Rolle als Kulturwirt weiter pudelwohl. „Solange ich fit bin, mache ich gerne weiter.“ Häufig könnte er sicher mehr Besucher begrüßen, doch Denkmalschutz verhindert bauliche Erweiterungen des Gebäudes, in dem auch das Eschweiler Karnevalskomitee ein Büro hat und der Eschweiler Kunstverein Veranstaltungen organisiert. Anfangs war sogar noch ein Raum der Deutschen Bahn in Betrieb. „Einmal pro Woche fuhr ein Zug zum Kraftwerk. Das Stellwerk wurde dafür extra von einem DB-Mitarbeiter bedient“, erinnert sich Walter Danz.
Seine Frau Agnes kennt diese Zeit ebenfalls. Geboren in Thorn (Polen), kam sie im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Eschweiler. Sie lernte Automobilkauffrau bei BMW Kohl, studierte Betriebswirtschaft „und ich ging durch die harte Gastronomie-Schule bei Harry Henkelmann.“ Vor etwa 15 Jahren begann sie, nebenher die Küche des Talbahnhofs zu leiten, nachdem der damalige Koch aufhörte. Die Gastronomie öffnet bei Veranstaltungen und ist eine wichtige Einnahmequelle. Agnes Danz liebt es zu kochen, favorisiert Schnitzel und probiert oft Neues aus. Als sie zusätzlich zur Küche das Büro übernahm, gab sie ihren Job im Dürener Mercedes-Autohaus auf und brachte sich gänzlich im Talbahnhof ein.
Seit dem Tod von Stéfan Horn im Jahr 2016 trägt sie zusätzliche Verantwortung. „Agnes macht alles Administrative“, sagt Walter Danz, der selbst weder Führerschein noch Computer hat. „Während Corona hat sie sich durch die Bürokratie gekämpft, damit wir Hilfen bekommen.“ Agnes ist es auch, die die Kontakte zu Künstlern und Agenturen pflegt – ein Aspekt, der im Laufe der Jahre immer wichtiger wurde. „Früher setzten sich die Leute auch mal spontan ins Publikum und ließen sich überraschen. Heute ist das anders: Wer einen Act aus Fernsehen oder Internet kennt, kauft gezielt Tickets“, weiß Agnes Danz. Dank der geschätzten Künstlerbetreuung genießt der Talbahnhof einen hervorragenden Ruf in der Szene.
Aber es gibt noch weitere Gründe, wie es gelingt, immer wieder allseits bekannte Namen an den Raiffeisen-Platz zu lotsen. So testen Comedians hier ihr Programm in kleinem Rahmen, bevor sie auf große Tour gehen. Für die regulären Shows ist den großen Stars der Szene der 200 Menschen fassende Raum zu klein. Dann veranstalten Walter und Agnes Danz den Auftritt im Namen des Vereins Kleinkunst Initiative Euregio in größeren Räumen wie Eurogress Aachen, Stadthalle Alsdorf, Festhalle Weisweiler – oder auch in Troisdorf und dem Europapark. Diese Einnahmen können sie dann wiederum investieren, um Promis in den Talbahnhof zu holen, die Saaltechnik zu verbessern oder Nachwuchskünstlern in Eschweiler eine Chance zu geben. Nicht selten erinnern diese sich in späteren Jahren an diese Förderung und kommen wieder. Rund 100 Veranstaltungen finden jährlich im Talbahnhof statt; dazu kommen private Feiern. Agnes Danz ist überzeugt: „Wenn es den Talbahnhof nicht gäbe, wäre das Freizeitangebot, gerade für junge Leute, hier ziemlich dürftig. Was wir machen, tun wir für Eschweiler.“
Gemeinsam mit ihrem Mann bildet sie ein starkes Team. Seit 20 Jahren sind sie liiert, seit 13 Jahren verheiratet – bei einem Altersunterschied von 35 Jahren. Für Agnes war früh klar, dass sie Walter heiraten wollte. „Aber nur, wenn er so alt wird wie Jopi Heesters“, fügt sie lachend an. Auch privat sind die Beiden zufrieden. In ihrem Zuhause in Bergrath verbringen sie ihre freie Zeit mit Kochen und Freunden. Zudem reisen sie gerne. Ihr Sohn Konstantin ist zwölf Jahre alt und schaut den Eltern bereits über die Schulter – zum Beispiel beim zurückliegenden Comedy-Sommer-Open-Air im August. Die Stadt Eschweiler unterstützte das Event. Apropos, der Pachtvertrag zwischen Stadt und den Kulturwirten läuft noch langfristig. Agnes und Walter Danz freuen sich in den nächsten Jahren auf weitere Künstler, die auf ihre Bühne treten und das kulturelle Leben in Eschweiler bereichern.
Tim Schmitz
Dieser Artikel wurde in der August-Ausgabe des REGIO LIFE-Magazins veröffentlicht. REGIO LIFE erscheint alle zwei Monate und liegt kostenlos zum Mitnehmen in vielen Geschäften und an weiteren Stellen in Eschweiler und Umland aus.