30.09.2025
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Susanne Kasperczyk – Eschweilers Fußball-Pionierin

Hellenthal / Eschweiler. – Männliche Fußball-Profis aus Eschweiler gab und gibt es einige. Doch nur eine Indestädterin schaffte es aufs höchste Kicker-Level: Susanne Kasperczyk. Wir trafen die U19-Europameisterin anlässlich ihres Vierzigsten zum Geburtstagsfrühstück.

Früher Bourscheidtstraße, heute Eifel: Susanne Kasperczyk hat in Hellenthal auf einem großen Grundstück gebaut. „Hier ist noch einiges zu tun. Da brauche ich kein Fitnessstudio“, meint die ehemalige Vollblutfußballerin und lacht. Den runden Geburtstag nimmt sie mit einem Schulterzucken. „Ich feiere, aber trotzdem ist 40 nur eine Zahl. Ich sag‘ mal: Ein Jahr näher an der Rente.“

Bereits vor dem ersten Brötchen geht’s um Fußball und die zurückliegende Frauen-EM. Mit Freude bemerkte Susanne Kasperczyk das gewachsene öffentliche Interesse. Der Frauenfußball in Deutschland brauche jedoch immer noch Zeit. „Er wird nicht als professionell genug angesehen. In anderen Ländern benötigen nicht so viele Erstliga-Spielerinnen ein zweites berufliches Standbein. Immerhin genießt die aktuelle Generation deutlich bessere Bedingungen als unsere. Wir waren die Vorreiter, die hartnäckig um Anerkennung kämpften.“ Die 39-fache Jugend-Nationalkickerin (U17 bis U21) spielte zu ihrer Zeit bei Länderspielen teils vor weniger Zuschauern als Bezirksliga-Männerteams, trainierte im Club anfangs auf Asche und unter nicht hauptamtlichen Übungsleitern, die die Aktiven nach alter Konditionsschule über den Platz scheuchten.

Erste Weltmeisterschaft
Im Fußball erlernte Susanne Kasperczyk ihr Durchsetzungsvermögen. Als sie im Grundschulalter bei Viktoria Alsdorf mit dem Sport anfing, war sie das einzige Mädel unter lauter Jungs. Ab der C-Jugend musste sie in ein reines Mädchenteam und schloss sich Teutonia Weiden an. Die Eschweilerin war taktisch clever und beidfüßig. Trotz ihrer geringen Körpergröße (1,62 Meter als Erwachsene) ging sie entschlossen und robust voran. Von Alexandra Abels wurde sie für die Kreisauswahl entdeckt und von Annemie Keulen für die Mittelrhein-Elite. Bei einem Sichtungsturnier in Duisburg hinterließ die leidenschaftliche Defensiv-Allrounderin Eindruck bei den Trainern der Juniorinnen-Nationalmannschaften, die sie in den Kader aufnahmen. Mit Deutschlands besten Talenten bestritt Susanne Kasperczyk Auslandsreisen und sammelte Momente fürs Leben.

Geholfen habe die Unterstützung des Berufskollegs Eschweiler. „Peter Schöner und Josef Stiel stellten mich anstandslos frei. Vom bestandenen Fachabitur erfuhr ich auch nur telefonisch, weil ich wieder unterwegs war.“ Unter anderem stand sie in den USA bei der ersten Frauen-U19-WM der Geschichte auf dem Rasen. Kurios lief es in Finnland: „Unsere Koffer kamen nicht an, also trainierten wir als Nationalteam erstmal in Straßenklamotten.“ Im Nachbarland Schweden wurde Susanne Kasperczyk im Jahr 2002 U19-Europameisterin – ihr schönstes Fußball-Erlebnis. Spätestens bei diesem Turnier, als Stammspielerin unter der späteren Bundes-Cheftrainerin Silvia Neid, zeichnete sich ab: Ihr Weg führt in die Bundesliga. Zwar erlitt sie nach der Einigung mit dem FFC Brauweiler einen Kreuzbandriss; am 16. November 2003 konnte sie aber in der höchsten Spielklasse debütieren. „400 Euro verdiente ich mit Fußball. Zugleich jobbte ich bei ,Ihr Platz‘ in der Grabenstraße.“

Alles nach Feierabend
Mit 21 Jahren schaute Susanne Kasperczyk bewusster in die Zukunft und machte eine Ausbildung als Medizinische Fachangestellte bei Dr. Frank Uhl, dem damaligen Vereinsarzt von Alemannia Aachen („Ohne Beziehungen, einfach beworben“). Fußballerisch ging es bei der SGS Essen weiter. „Das hieß: Von 7 Uhr bis 18 Uhr in der Praxis und viermal pro Woche anschließend nach Essen. Häufig verpasste ich den Trainingsbeginn.“ Sie trainierte zudem regelmäßig bei den Herren von Jugendsport Wenau mit, wo ihr Bruder Maik spielte, und förderte lokale Talente am Nachwuchs-Stützpunkt – „alles parallel zum Beruf. Solche Umstände sind heute undenkbar, wenn die Profis oft zweimal täglich trainieren.“  Den Wandel hin zum professionellen Umfeld bekam die Eschweilerin hautnah mit. Bei ihrer nächsten Station, dem 1. FC Köln, standen schon Athletiktrainer, Physiotherapeuten und eine Sauna bereit. Vom FC wechselte sie noch zu Bayer Leverkusen. Bis 2013 absolvierte sie 171 Bundesliga-Partien, meist als linke Verteidigerin, und erzielte dabei 21 Tore. Ihre kräftigen Oberschenkel halfen bei Distanzschüssen. Einmal düpierte sie die Nationaltorhüterin Silke Rottenberg von der Mittellinie aus. Es folgten zwei Jahre bei Alemannia Aachen mit dem Aufstieg in die 2. Liga, ehe sie mit 30 Jahren aufhörte und sich gänzlich dem Hauptberuf widmete. Hier war sie zwischenzeitlich als Reha-Sachbearbeiterin  im Eschweiler Sanitätshaus Koczyba tätig, später als Wundexpertin in Alsdorf und seit 2020 im „Sanitätshaus 360°“, deren Prokuristin sie nun ist. „Die Mitarbeitereinsätze strukturiere ich so wie früher die Viererkette“, sagt sie schmunzelnd.

Andere Prioritäten
Um die richtige Aufstellung kümmerte sich Susanne Kasperczyk auch als Trainerin der 1. Frauenmannschaft vom TuS Jüngersdorf. Beim Mittelrheinligisten bejubelte die A-Lizenz-Inhaberin von 2018 bis 2023 vier Kreispokalsiege. Den Trainer-Job und das Teamgefühl vermisst sie durchaus. Allerdings verschoben sich die Prioritäten – hin zum Hausbau und vor allem zur Familie. Ihre Frau brachte 2023 zwei Mädchen zur Welt; ein Junge ist auf dem Weg. Beide wollen den Kindern viel zeigen, darunter die Berge in Österreich, denn Snowboarden am Wilden Kaiser ist eine jährliche Tradition. Außerdem hat das Paar zwei Hunde und einen großen Verwandtenkreis. Zeit zum Fußball gucken nimmt sich Susanne Kasperczyk aber immer, wie sie beim Abräumen des Frühstückstischs betont. „Entweder im Stadion bei den Männern des 1. FC Köln oder am Fernseher. Fußball ist mein Ding – ich bin nun mal so verrückt.“

Tim Schmitz

Dieser Artikel wurde in der August-Ausgabe des REGIO LIFE-Magazins veröffentlicht. REGIO LIFE erscheint alle zwei Monate und liegt kostenlos zum Mitnehmen in vielen Geschäften und an weiteren Stellen in Eschweiler und Umland aus.