26.07.2025
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Rudi Bittins – Sein Herz hängt am SV St. Jöris

Eschweiler. - Er ist in besonderem Maße „fest verwurzelt“: Rudi Bittins kam in St. Jöris bereits zur Welt und ist ein bekanntes Gesicht in dem überschaubaren Eschweiler Stadtteil. Vor kurzem gab er den Vorsitz des SV St. Jöris nach stolzen 35 Jahren ab. 

Eigentlich wollte er dem Fußballverein aus seinem Ort nur zwei Jahre lang aushelfen. Im Januar 1990 drohte dem SV St. Jöris die Auflösung, weil sich kein neuer Vorstand fand. Rudi Bittins (eigentlich Rudolf, aber so nennen ihn nur seine zwei Schwestern), erklärte sich bereit, als 29-Jähriger den Posten des 1. Vorsitzenden zu übernehmen. Er spielte für den SV (1978-1984) und zuvor in der Jugend des Nachbarortes Linden-Neusen, war in den 1980er-Jahren Trainer beim Bezirksligisten SC Altdorf und bei Teutonia Aldenhoven. Mit ihm als Macher und Trainer stieg St. Jöris 1991 gleich aus der untersten Liga auf.

Was offensichtlich war: Beim SV gab es viel zu tun. Bittins nahm die Verantwortung an und blieb weit länger im Amt. „Wir hatten den schlechtesten Fußballplatz im Kreis. Wegen Löchern im Zaun standen manchmal mehrere Kühe von den umliegenden Weiden auf dem Rasen, die man vor den Spielen erstmal vertreiben musste.“ Die Mannschaften mussten sich im heutigen Kindergarten St. Georg umziehen und einen Kilometer zum Platz marschieren. Rund um die Spielfläche gab es nichts außer einer Garage mit Stromanschluss. Wasser wurde mit einem mehrfach verbundenen Schlauch vom nächstgelegenen Haus bezogen oder stand in Kanistern bereit.

Wie die Gallier
„Die Umstände mussten sich verbessern. Erst dachte ich an Toiletten, beantragte aber stattdessen verwegen ein ganzes Vereinsheim“, erzählt Bittins. Lange passierte nichts. Nach der Ausrichtung der Jugend-Stadtmeisterschaft 2003 (Bittins: „Es war uns extrem unangenehm, die Kinder auf die Dixi-Klos zu schicken.“) brachte Bürgermeister Rudi Bertram Bewegung in die Sache; am 10. Februar 2006 wurde das zweigeschossige Heim eröffnet. Der Club trug selbstständig viel dazu bei. Insbesondere Günther Dohlen, Hans Jansen, Uwe Ursinus, Reinhold Weber und Heinz Wickerath packten an. Drei Jahre zuvor transportierte man schon die vom SCB Laurenzberg nicht mehr genutzte Flutlichtanlage in Eigenregie nach St. Jöris. „In unserem Ort sehen wir uns ein bisschen wie die Gallier bei Asterix. Wir fühlen uns häufig unterrepräsentiert in der Wahrnehmung und halten stark zusammen“, meint Bittins.

Die lange problematische Infrastruktur ist jetzt ein Baustein, warum der SV St. Jöris trotz der Kleinheit des Ortes und fehlender Jugendabteilung (interessierte Kinder werden stets an die Sportfreunde Hehlrath vermittelt) seit 106 Jahren Fußball anbieten kann. Das letzte Jahrzehnt war das erfolgreichste: Unter Trainer Wilfried Lisowski gelangen die Aufstiege bis in die Kreisliga A, wo der SV bald in die neunte Saison geht. „Unsere Spieler finden wir über Kontakte. Weil sie keine Aufwandsentschädigung erhalten, möchten wir sie mit den Rahmenbedingungen überzeugen“, nennt Bittins etwa die elektronische Anzeigetafel, Spielmoderation, Verpflegung und gestellte Kleidung, mit der die Spieler selbst jedes Training einheitlich bestreiten.

Nationalteams zu Gast
Den hohen Organisationsanspruch und die Gastfreundschaft lernten auch die Frauen-Nationalteams von Deutschland und der Ukraine zu schätzen, als sie auf dem satten Grün trainierten. Solche Ereignisse, wie ebenso die Austragungen der Stadtmeisterschaft 2008 und 2019, interessieren jeden in Eschweilers westlichstem Stadtteil. „Selbst Leute, die mit Fußball nichts am Hut haben, sagen dann: ,Da dürfen wir uns in der Außendarstellung nicht blamieren.‘“, berichtet Bittins. Er verteilte im Vorfeld der Turniere Flugblätter im Ort, übte ohnehin im Laufe der Jahre quasi jeden Job im Verein aus und das teilweise gleichzeitig: Vorsitzender, Trainer (zuletzt 2009), Stadionsprecher, Platzwart, Webmaster, Plakatverteiler, Schiedsrichter, Putzmann. Der Ehrenamtler ist mit dem Herzen dabei, schlug jedoch wiederholt über die Stränge. „Ich war manchmal äußerst gewöhnungsbedürftig, habe aber seit der Geburt meines ersten Enkelkindes keine Strafe mehr bekommen.“ Die Enkel Piet (10 Jahre), Jannis (6), Elli (4) sind genauso wie seine Söhne Philipp und Christian immer bei den Spielen. Rudi Bittins‘ 2022 verstorbene Frau Anneliese leitete die Küche. Wenn die mit dem Ehrenamtspreis des Fußball-Verbandes ausgezeichneten Frauen zu den Heimspielen den Imbiss öffnen, gehören neben den Zuschauern auch, mangels Gaststätte, weitere Menschen aus dem Ort zu ihren Kunden.

Innere Zufriedenheit
Der Verein entwickelte sich so, wie Bittins es sich erhofft habe. Auch seine Hoffnung, einen geeigneten Nachfolger zu finden, erfüllte sich. „Als ich vier Monate im Krankenhaus lag, hielten mein zugleich spielender Sohn Christian und der Betreuer Marcel Ripphausen den Laden am Laufen. Deswegen reichte ich am 28. April voller Überzeugung nach 35 Jahren den Stab an Marcel weiter und bin nun gerne 2. Vorsitzender“, sagt der 65-Jährige, der, ganz ortsverbunden, auch in den anderen St. Jöriser Vereinen Mitglied ist, Schützenkönig war und bei Karnevalsfesten im Kloster moderiert.

Beruflich ist Bittins als gelernter Sozialversicherungsfachangestellter im Krankenkassendienst tätig. Bis zur Pensionierung im nächsten Jahr fungiert er als Dozent der IKK-Akademie Hagen und verfasst Artikel zu Sozialversicherungsthemen. Nach einer früheren Gesundheitsreform veröffentlichte er das Taschenbuch „Ihre Rechte als Patient“. Seine Freizeit verbringt er oft mit den Enkeln und weiterhin am Sportplatz. „Ich spüre eine große innere Zufriedenheit, die Vereinsleitung in die Hände von Marcel und eines jungen Vorstands gelegt zu haben. Man weiß nicht, ob es ewig so weitergeht, muss immer erfinderisch sein, aber ich sehe uns gut aufgestellt“, sorgt er sich um seinen SV St. Jöris, der ein großer Teil seines Lebens wurde und zu einem bedeutenden Aushängeschild des kleinen Ortes.

Tim Schmitz

Dieser Artikel wurde in der Juni-Ausgabe des REGIO LIFE-Magazins veröffentlicht. REGIO LIFE erscheint alle zwei Monate und liegt kostenlos zum Mitnehmen in vielen Geschäften und an weiteren Stellen in Eschweiler und Umland aus.