28.02.2024
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Berlinale 2024: Peerchen über die Bärchen

Peer Kling, Korrespondent der Filmpost, berichtet vom Filmfestival „Berlinale“, bei dem nun die Preise verliehen wurden.

Ich habe bislang noch niemanden gesprochen, der mit der Bärenvergabe einverstanden ist, hm. Der Goldene Bär für den besten Film ging an den Dokumentarfilm „Dahomey“ von der 1982 in Paris geborenen Regisseurin, Drehbuchautorin, Kamerafrau und Schauspielerin Mati Diop. Ihre Familie väterlicherseits besteht aus bekannten Persönlichkeiten im Senegal. Es geht um die Restitution von Kulturgütern, also um die Rückerstattung geraubter, unrechtmäßig enteigneter, erpresster oder zwangsverkaufter Kulturgüter an die legitimen Voreigentümer oder deren Rechtsnachfolger. 26 Objekte aus dem früheren Königreich Dahomey verlassen Paris, um in das heutige Benin zurückzukehren. Dabei geht es um nationale Identität also um mehr als „nur“ um Kunst, zugegeben eine wichtige Sache, aber da waren ja noch 19 weitere Filme im Wettbewerb, wovon viele herausragend waren. Ist die Entscheidung eine Hommage an Afrika der Jurypräsidentin, Oscarpreisträgerin und Tochter eines Politikers aus Kenia Lupita Nyong’o?

Bei der Umfrage von Annette Streicher vom ZDF-Morgenmagazin, die auch mich befragt hat (zur Umfrage), lag zunächst „Sterben“ von Matthias Glasner vorne.

Am Ende der Befragung war aber „Des Teufels Bad“ an der Spitze, ein Film, den ich zunächst als sehr verstörend empfand, dank des historischen Hinweises am Ende dann aber das Gewalt-Motiv wenigstens verstanden habe. Ein in sich stimmiger Film mit tollen Bildern, gut recherchiert und wirklichkeitsbasiert.

Der für seine Darbietung als Oppenheimer in „Oppenheimer“ als bester Hauptdarsteller Oscar nominierte Cillian Murphy spielte als Kohlenhändler auch die Hauptrolle in dem in Irland spielenden Eröffnungsfilm „Kleine Dinge wie diese“. Auch wenn der Film nur die Spitze des Eisbergs der unter Nonnenschleiern versteckten Missetaten in den klösterlichen Waschhäusern Irlands zeigt, weckt er das Interesse, was da wirklich unter dem Deckmäntelchen der „Rettung gefallener Mädchen“ alles abging. Schlüssiges, gut gespieltes Kino.

„Vogter“, was so viel heißt wie Gefängniswärter, in diesem Fall allerdings eine Gefängniswärterin meint, ist der Titel des dänischen Wettbewerbsbeitrags unter der Regie des Schweden Gustav Möller. Diesen Thriller habe ich mit Interesse geschaut. Gefängnisfilme bilden längst ein eigenes Genre. Dieser ist wie ein Duell zwischen dem Häftling oder sollte ich sagen der Unperson „N 017“ (Sebastian Bull, dafür kann er „nix“, spielt sehr überzeugend einen wütenden unberechenbaren „Kampf-Bullen“) und der Wärterin (Sidse Babett Knudsen). Es war schwierig, ein Gefängnis als Drehort zu finden. In Kopenhagen wurde das Team schließlich fündig.

Meine Realität jetzt in diesem Moment: Nach zehn Tagen zunehmenden Schlafmangels sitze ich nun im sehr vollen, aber wenig ollen ICE zurück ins Zuckerrübenland. Es gibt einen Internet- (jedenfalls immer mal wieder) und auch einen Strom-Anschluss. Ich schreibe das hier. „Entschuldigung“, sage ich zu meinem Sitznachbarn, den ich gerade versehentlich beim Tippen mit meinem Ellbogen angestoßen habe. Beides, Strom und Internet sind wichtig, jetzt und auch bei der Berlinale, denn es gibt bei diesem riesigen Filmfest keine einzige papierne Eintrittskarte mehr, es sei denn, man druckt sie sich selbst aus. Und so hat es auch meine Kollegin Astrid gemacht. Im Pressezentrum gibt es einen Drucker. Wenn der Handy-Akku und auch die Powerbank leer sind, geht gar nichts mehr. Dann heißt es: „Wir bleiben draußen“, wie bei einem begossenen Pudel vor der Metzgerei. Aber ich bin dabei, mich so allmählich an das digitale Zeitalter zu gewöhnen. Nicht mehr lange, dann gibt es kein Bargeld mehr. Bloß, was machen dann die „Haste-mal-`n-Euro-Leute“? Berlin ist gesegnet damit. Ein Kollege erzählte mir im Kino von einem weiteren bei der Berlinale akkreditierten Journalisten, der bei einer früheren Berlinale kein Geld für eine Unterkunft hatte und in einer die Nacht durchfahrenden S-Bahn schlief. Hm. Ich hatte eine Unterkunft, bin aber auch auf die Bahnen angewiesen. S-, U-, Straßenbahn und Bus bringen mich von Kino zu Kino, zuweilen quer durch die Stadt. Die Kapazität der Kinoplätze am Berlinale Zentrum des Potsdamer Platzes ist in den letzten Jahren erheblich geschrumpft. Das Cinestar mit acht Spielstellen fällt für die Berlinale komplett aus, denn es ist schon seit vier Jahren geschlossen. Die CinemaxX Kinos nebenan haben auf bequeme lederne Sessel umgestellt, die so groß sind, dass die Anzahl der Sitzplätze annähernd halbiert wurde. Das ist natürlich sehr bequem, aber zieht die Notwenigkeit des „Reisens“ quer durch Berlin nach sich, um die weiter entfernten Spielstellen zu erreichen.

Aber ich hatte unterwegs viele nette Begegnungen. Ein Beispiel: In der U-Bahn stehe ich neben einer jungen Frau. Sie trägt eine Tasche. Daraus schaut eine kesse Hundeschnauze mit Dackelblick. Der kleine schnuppert äußerst interessiert an mir herum. Riecht er an meiner Jacke Spuren meiner Katze? Oder habe ich meine Körperpflege vernachlässigt? Oder ist es das Butterbrot in meiner Jackentasche? Ich erzähle der Frau von „meinem“ Dackel, der eigentlich Uschis war, mit der ich oft in Aachen ins Kino gegangen bin und zwar MIT Dackel, versteckt in solch einer Tasche. Er hat den ganzen Film über nicht gemuckst. Dieser „Von-und-zu-Dackel“ war sozusagen adelig und schwieg den ganzen Film über auf vornehme Weise.

Mein persönlicher Lieblingsfilm der Berlinale 2024 lief im Forum und heißt: „Henry Fonda for President“. In dem über dreistündigen Denkmal charakterisiert der Österreicher Alexander Horwath mit Hilfe der Filme von Henry Fonda auf einmalige Weise die USA. Mit Hilfe der sezierend gründlichen Recherche durch Regina Schlagnitweit und in Zusammenarbeit mit dem für Kamera, Montage und Ton verantwortlichen Michael Palm ist Horwath ein Meisterwerk gelungen. Eigentlich ist es ein Dokumentarfilm, aber die perfekt aus dem Fond der Fonda-Filme ausgewählten Filmzitate vermitteln die Erfolge sowie das totale Versagen der Vereinigten Staaten mit einem Spielfilm-Feeling. Alexander Horwath ist Kurator, Filmhistoriker und Filmemacher, war Direktor der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums.

Peer Kling